Systematischer Überblick · Autismus · Soziales Verhalten
Was ist Camouflaging?
Camouflaging (auch: Masking) bezeichnet den Einsatz von Strategien autistischer Menschen, um ihre autistischen Merkmale in sozialen Situationen zu verbergen oder auszugleichen – mit dem Ziel, als neurotypisch zu erscheinen und soziale Akzeptanz zu erlangen. Es umfasst bewusstes wie unbewusstes Verhalten: von erlernten Gesprächsskripten über kontrollierten Blickkontakt bis hin zur Imitation von Gesten und Gesichtsausdrücken anderer.
Camouflaging ist unter autistischen Erwachsenen weit verbreitet. Obwohl es kurzfristig Zugang zu sozialen Räumen ermöglicht, ist es mit erheblichen Kosten verbunden: Erschöpfung, Identitätsverlust, Verzögerung der Diagnose und Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit. Die vorliegenden vier Artikel beleuchten das Phänomen aus verschiedenen Perspektiven – von der ersten Quantifizierung bis hin zu gelebten Erfahrungen.
Hinweis: Im vorliegenden Text wird durchgängig Identity-First-Sprache verwendet („autistische Menschen"), da die Mehrheit der Community dies bevorzugt; zugleich gilt, dass manche Personen Person-First-Sprache („Menschen mit Autismus") bevorzugen.
Hull et al. (2019) identifizierten mittels explorativer Faktorenanalyse drei Kernkomponenten des sozialen Camouflaging, die gemeinsam das CAT-Q (Camouflaging Autistic Traits Questionnaire) bilden. Dieses Modell wurde in nachfolgenden Studien wiederholt bestätigt und gilt heute als konzeptueller Standard.
Strategien, die genutzt werden, um aktiv Schwierigkeiten in sozialen Situationen auszugleichen – z.B. durch Beobachten anderer, das Entwickeln von Skripten oder das Einüben sozialer Regeln.
Strategien, die genutzt werden, um autistische Merkmale zu verbergen oder eine nicht-autistische Persona darzustellen – z.B. durch Anpassen von Körpersprache, Mimik und Blickkontakt.
Strategien, die das Bemühen widerspiegeln, in sozialen Situationen mit anderen mitzuhalten und dazuzupassen – z.B. sich an die Gruppe anpassen oder das Gefühl, eine Rolle zu spielen statt man selbst zu sein.
„I have spent time learning social skills from television shows and films, and try to use these in my interactions."
„I adjust my body language or facial expressions so that I appear interested by the person I am interacting with."
„In social situations, I feel like I'm ‚performing rather than being myself'."
Autism · Special Issue
Lai et al. (2017) führten eine systematische Quantifizierung von Camouflaging ein (Operationalisierung als Diskrepanz zwischen dem „externen" Verhalten (ADOS) und dem „internen" Zustand (AQ-Selbstbericht & RMET)).
J Autism Dev Disord
Entwicklung und Validierung des ersten psychometrisch robusten Selbstberichtsinstruments für soziales Camouflaging – geeignet für autistische und nicht-autistische Populationen gleichermaßen.
Autism in Adulthood
Qualitative Untersuchung der gelebten Erfahrungen von 277 autistischen Erwachsenen mit Camouflaging. Von 300 Teilnehmenden mit lebenslangen Camouflaging-Erfahrungen (89,8 % der Stichprobe) lieferten 277 qualitative Daten. Der Survey wurde in Zusammenarbeit mit einer Steuerungsgruppe aus acht autistischen Erwachsenen co-produziert.
Frontiers in Psychiatry
Systematisches Review nach PRISMA-Leitlinien der empirischen Literatur zu Camouflaging bei autistischen Erwachsenen. Aus 659 identifizierten Studien wurden 16 eingeschlossen (4 qualitativ, 11 quantitativ, 1 Mixed Methods).
Lai et al. (2017) fanden im Durchschnitt signifikant höheres Camouflaging bei Frauen (Cohen's d = 0.98). Als mögliche Erklärungen nennen die Autoren soziokulturelle Sozialisation und geschlechtsspezifische Erwartungen: Gleichaltrigen-Freund:innenschaften könnten soziale Schwierigkeiten bei Mädchen verdecken (im Original als „being mothered" bezeichnet) – Mädchen und Frauen werden unter Umständen stärker dazu gebracht, soziales Verhalten zu imitieren und eigene Verhaltensweisen stärker zu zensieren.
Dennoch betonten alle Studien: Die Verteilungen überlappten erheblich. Es gab Frauen mit niedrigem und Männer mit hohem Camouflaging. Camouflaging ist kein weibliches Merkmal, sondern ein Merkmal individueller Unterschiede im sozialen Coping.
Bradley et al. (2021) stellten fest, dass keine:r der 277 Teilnehmenden Camouflaging explizit als geschlechtsspezifisches Phänomen beschrieb. Männer und Frauen berichteten qualitativ ähnliche Erfahrungen.
Die Gefahr, Camouflaging als „weibliches Phänomen" zu betrachten, liegt darin, dass Kliniker es bei Männern und nicht-binären Personen übersehen könnten – mit der Folge, dass assoziierte psychische Belastungen nicht erkannt und behandelt werden. Als weitere Motivation wurde internalisierte Stigmatisierung identifiziert – das Verinnerlichen gesellschaftlicher Vorurteile gegenüber Autismus, das viele Betroffene dazu bringt, ihre Merkmale zu verbergen, um Ablehnung und Diskriminierung zu vermeiden.
Das am häufigsten genannte Narrativ zu Camouflaging in den qualitativen Daten von Bradley et al. (2021) war „exhausting" (73 Nennungen), gefolgt von „stressful" (44) und „tiring" (33). Es verbraucht kognitive Ressourcen, die danach für alltägliche Aufgaben fehlen. Teilnehmende berichteten von „Shutdown"-Tagen nach sozialen Interaktionen sowie physischen Symptomen wie Kopfschmerzen und Muskelschmerzen.
Hull et al. (2019) zeigten positive Korrelationen des CAT-Q mit PHQ-9 (Depression) und GAD-7 (Angst). Lai et al. (2017) fanden eine signifikante Korrelation zwischen Camouflaging und Depression bei Männern (r = 0.533), aber nicht bei Frauen – was auf unterschiedliche Belastungsprofile hinweist.
Betroffene beschrieben den Verlust eines Gefühls für das „echte Selbst" – einen „Flickenteppich aus Rollen" statt einer kohärenten Identität (Bradley et al., 2021: 15 Nennungen). 21 Teilnehmende berichteten von Verlust von Selbstwert und Identität; 17 fühlten sich dauerhaft „fake".
Erfolgreiches Camouflaging kann Anzeichen von Autismus bei Diagnoseuntersuchungen überdecken (Lai et al., 2017; Bradley et al., 2021). Kliniker:innen können oberflächlich typisches Verhalten fälschlicherweise als Ausschlusskriterium werten. Teilnehmende berichteten, dass eine frühere Diagnose erhebliches Leid hätte verhindern können.
Trotz der Kosten ermöglichte Camouflaging vielen Betroffenen überhaupt erst den Zugang zur sozialen Welt: Arbeit (37 Nennungen), Beziehungen, Bildung. Einige beschrieben ein Gefühl von Resilienz und Leistung. Thriving oder surviving? – so die zentrale Frage, die Bradley et al. (2021) stellen.
Camouflaging bot Schutz vor Mobbing, Missbrauch und sozialem Ausschluss (Bradley et al., 2021). Diese „positiven" Aspekte offenbaren jedoch vor allem gesellschaftliche Missstände – die Notwendigkeit, sich anzupassen, um sicher zu sein.
„It is EXHAUSTING. It's like trying to solve mathematical equations in your head all day long while carrying on as normal."— Autistische Teilnehmerin (F126-D), Bradley et al. 2021
„Some say you should be yourself. How can anyone say that when society's expectations do not match with yourself? When that time comes, you have no choice but to change."— Autistischer Teilnehmer (M753-D), Bradley et al. 2021
Nicht Camouflaging an sich ist am schädlichsten für die psychische Gesundheit, sondern das Ausmaß der Zeit, die damit verbracht wird.
Da der gesellschaftliche Druck, sich anzupassen, als Hauptursache für exzessives Camouflaging identifiziert wurde, plädieren alle Studien für mehr gesellschaftliches Bewusstsein und Akzeptanz gegenüber Autismus. Bradley et al. (2021) zeigen: Teilnehmende, die weniger camouflieren mussten, berichteten nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihr soziales Umfeld von positiven Veränderungen.
Die Forschung zeigt: Das Ziel sollte nicht sein, autistischen Menschen beizubringen, besser zu camouflieren – sondern eine Gesellschaft zu schaffen, in der sie es weniger nötig haben.
Der CAT-Q ist das einzige psychometrisch validierte Selbstberichtsinstrument für soziales Camouflaging, das sowohl für autistische als auch nicht-autistische Populationen geeignet ist (Hull et al., 2019). Seine Messinvarianz über Geschlecht und Diagnosegruppen hinweg wurde nachgewiesen, was gruppenvergleichende Studien ermöglicht.
Kognitive Korrelate: Die Forschung zeigt ein uneinheitliches Bild. Lai et al. (2017) fanden keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Camouflaging und IQ (VIQ, PIQ, FIQ), jedoch eine positive Korrelation mit Signaldetektionssensitivität bei Frauen (r = 0.432). Alaghband-Rad et al. (2023) fassen im Review zusammen, dass in einer eingeschlossenen Studie höheres Bildungsniveau mit stärkerem Kompensationsverhalten assoziiert war, wobei der Zusammenhang zwischen Camouflaging und kognitiven Variablen insgesamt inkonsistent bleibt.
Stärken: Items basieren auf Erfahrungsberichten autistischer Menschen; erfasst auch nicht-erfolgreiche Camouflaging-Versuche; keine formale Diagnose erforderlich. Einschränkungen: Setzt Selbstreflexionsfähigkeit voraus; weniger geeignet für Menschen mit Sprachschwierigkeiten oder intellektueller Beeinträchtigung; bisher hauptsächlich an erwachsenen Stichproben ohne intellektuelle Beeinträchtigung validiert.
Kritische Einordnung
Was die Forschung
für die Praxis bedeutet
Die folgenden Abschnitte übersetzen die Befundlage in konkrete Orientierungen für Diagnostik, Beratung und therapeutische Beziehungsgestaltung.
Lai et al. 2017 · Hull et al. 2019
Lai et al. (2017) zeigen, dass ADOS-Ergebnisse durch Camouflaging verfälscht werden können – wer im Gespräch „nicht autistisch wirkt", schließt Autismus damit nicht aus. Auch der CAT-Q (Hull et al., 2019) erfasst bewusst auch nicht-erfolgreiche Camouflaging-Versuche. Das Fehlen sichtbarer autistischer Merkmale im Kontakt darf daher nicht als Ausschlusskriterium gewertet werden.
Bradley et al. 2021
17 von 277 Teilnehmenden bei Bradley et al. (2021) berichteten, dass sie nach der Diagnose deutlich weniger camouflierten – nicht weil sie therapeutisch daran arbeiteten, sondern weil die Diagnose ihnen eine Erklärung und eine Erlaubnis gab. Der Moment der Diagnosemitteilung ist damit mehr als ein administrativer Akt.
Camouflaging-Strategien direkt ansprechen: „Gibt es Situationen, in denen Sie sich bewusst anpassen, um nicht aufzufallen?" öffnet den Raum, ohne die Diagnose vorwegzunehmen. Die Art, wie eine Diagnose kommuniziert wird – mit Raum für Reaktion, ohne Pathologisierung, mit Benennung des Camouflaging als Leistung –, hat direkten therapeutischen Wert und kann selbst eine erste Entlastung bewirken.
Bradley et al. 2021
73 Teilnehmende beschrieben Camouflaging als erschöpfend, 18 berichteten physische Symptome. Bradley et al. (2021) zeigen, dass die kognitive Last des Camouflaging für elementare Alltagsfunktionen – Essen, Körperpflege – keine Kapazität mehr lässt. Erschöpfung und „Shutdown"-Tage sind keine Schwäche, sondern Folge eines dauerhaft überlasteten Systems.
Lai et al. 2017 · Bradley et al. 2021
Lai et al. (2017) fanden den stärksten Zusammenhang zwischen Camouflaging und Depression gerade bei Männern (r = 0.533). Bradley et al. (2021) bestätigten, dass keine:r der Teilnehmenden Camouflaging als weibliches Phänomen beschrieb. Camouflaging bei Männern wird in Diagnostik und Beratung systematisch unterschätzt, obwohl die psychischen Kosten vergleichbar oder höher sind.
Erholung und Kapazitätsplanung sollten früh in der Beratung thematisiert werden – noch bevor es um soziale Situationen selbst geht. Camouflaging bei männlichen Klienten aktiv ansprechen und nicht davon ausgehen, dass ausbleibendes Benennen bedeutet, es sei nicht vorhanden. Beide Punkte gelten genauso für nicht-binäre Personen, die in der Forschung noch weitgehend unterrepräsentiert sind.
Bradley et al. 2021 · Alaghband-Rad et al. 2023
Bradley et al. (2021) zeigen, dass Teilnehmende in Kontexten mit akzeptierenden Partner:innen, Familienmitgliedern oder anderen autistischen Personen deutlich weniger camouflierten. Alaghband-Rad et al. (2023) bestätigen Akzeptanz als zentrale Motivation, das Camouflaging zu reduzieren. Die Beratungsbeziehung selbst ist damit ein möglicher erster Schutzraum.
Hull et al. 2019 · Bradley et al. 2021
15 Teilnehmende bei Bradley et al. (2021) beschrieben den Verlust des „echten Selbst", 17 fühlten sich dauerhaft „fake". Hull et al. (2019) messen mit dem CAT-Q explizit Assimilation – das Gefühl, eine Rolle zu spielen statt man selbst zu sein. Identitätsdiffusion ist keine Begleiterscheinung, sondern ein zentrales Camouflaging-Symptom.
Die Beratungsbeziehung kann ein erster Erprobungsraum sein, in dem Camouflaging nicht notwendig ist – das sollte explizit benannt und aktiv gestaltet werden. Den Wiederaufbau eines stabilen Selbstbilds als eigenständiges Beratungsziel formulieren – unabhängig davon, ob Camouflaging reduziert werden kann oder will.
Die folgenden Einschätzungen basieren auf eigenen praktischen Erfahrungen in der psychologischen Beratung autistischer Erwachsener. Sie sind keine direkten Schlussfolgerungen der zitierten Forschung, sondern klinische Beobachtungen, die durch die Befundlage plausibel gestützt werden.
Viele Klient:innen kommen nicht mit dem Wunsch, weniger zu camouflieren – sie kommen erschöpft, deprimiert oder mit dem Gefühl, im Alltag zu versagen. Dass sie camouflieren, ist vielen bewusst; erst wenn das Ausmaß – etwa durch ein Masking-Tagebuch – sichtbar wird, wird die Gänze der teils massiven Kosten deutlich.
Ein früher Schritt in der Beratung ist daher oft, gemeinsam sichtbar zu machen, wie viel Kapazität täglich allein ins Camouflaging fließt – nicht um es zu verurteilen, sondern um den Zusammenhang mit dem Erschöpfungserleben herzustellen.
Das Ziel ist selten, generell weniger zu camouflieren – das wäre für viele Klient:innen weder realistisch noch sicher. Camouflaging erfüllt reale Schutzfunktionen, wie die Forschung klar zeigt.
Was geht, ist: gezielt Räume identifizieren und ausbauen, in denen die Maske nicht gebraucht wird. Diese Räume existieren oft schon – sie müssen nur als solche erkannt, benannt und bewusst geschützt werden.
Ein nützliches Werkzeug in der Beratung ist das Masking Tagebuch: Klient:innen erfassen über ein bis zwei Wochen für jede bedeutsame Interaktion nicht nur die Situation selbst, sondern auch Vorbereitung und Nachbearbeitung – die drei Phasen, die zusammen die tatsächliche Belastung ausmachen.
Aus dieser Aufzeichnung werden Muster sichtbar: Welcher Kontext kostet am meisten – und in welcher Phase? Wo ist die Rumination länger als die Interaktion selbst? Diese Differenzierung schafft Ansatzpunkte, die „weniger maskieren" allein nicht bietet.
Fallbeispiel · Team-Meeting · Kalenderdauer: 30 Minuten
ca. 45 Minuten
30 Minuten
ca. 90 Minuten
Das Masking Tagebuch ist kein diagnostisches Instrument, sondern ein Sichtbarmacher. Klient:innen führen es über ein bis zwei Wochen und erfassen für jede bedeutsame Interaktion die drei Phasen: Vorbereitung, Monitoring, Rumination. In der Auswertung werden Muster erkennbar – welche Kontexte kosten am meisten, wo ist die Nachbearbeitung länger als die Interaktion selbst, und wo beginnt der Zusammenhang zwischen Camouflaging und chronischer Erschöpfung greifbar zu werden.
Arbeitsweise
Meine Beratung bei Spektrum Münster orientiert sich an den hier zusammengefassten Forschungsergebnissen: Ich arbeite neurodiversitätsaffirmativ und verstehe Camouflaging nicht als Defizit, sondern als Anpassungsleistung in einer neurotypisch geprägten Gesellschaft.
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