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Spektrum Münster · Forschungsüberblicke Fortbildung Autismus · Von der Idee zur Praxis

Fortbildung Autismus · Tag 2

Von der Idee zur Praxis

Neurodiversitätsaffirmative Beratung für autistische Erwachsene

Veasna Roth
M.Sc. Psychologie

Kernthemen heute
Double Empathy Problem
Autistisches Burnout
Klient:innen-Journey

Was Sie heute erwartet

Masking, Burnout, Identität – drei zentrale Themen in der Beratung autistischer Erwachsener. Wir schauen auf das Double Empathy Problem (Milton, 2012) und warum das Defizit nicht bei der Klient:in liegt; auf autistisches Burnout als eigenständiges Phänomen (Raymaker et al., 2020); und auf den konkreten Weg von der ersten Kontaktaufnahme bis zum Beratungsplan bei Spektrum Münster.

Wissenschaftlich fundiert · Community-orientiert · Autismusgerecht

Was Sie heute erwartet

Spektrum Münster

Psychologische Beratung für autistische Erwachsene

Wissenschaftlich fundiert · Community-orientiert · Autismusgerecht

Double Empathy Problem

Weg von Defizitorientierung hin zu neurodiversitätsaffirmativer Haltung

Autistisches Burnout

Kein Versagen – und der Unterschied zur Depression

Einstieg

Wo meine Arbeit beginnt – eine Lücke schließen

Autismus-Therapiezentren

  • Gute Begleitung für Kinder & Jugendliche
  • Spezialisiertes Autismus-Know-how
  • Selten Konzept für Erwachsene
  • Bedarfe ändern sich: Energiemanagement, Burnout, Identität

Psychotherapie

  • Behandlung von Begleiterscheinungen (Depression, Angst)
  • Hohe psychotherapeutische Expertise
  • Oft nur Grundlagenwissen in Autismus
  • Autismusgerechte Anpassungen fehlen

Lange Wartezeiten

SPEKTRUM MÜNSTER

  • Geringe Wartezeit (1-2 Wochen)
  • Autismusspezifisches Wissen kombiniert mit psychologischer Expertise
  • Autismusgerechte Anpassungen – Agenda, Zusammenfassungen
  • Konzept für erwachsene Autist:innen
Klient:innen-Journey

Mia – eine typische Geschichte

Wer ist Mia?

  • 34 Jahre, Projektmanagerin, Autismus-Diagnose mit 31
  • Jahrelang „irgendwie funktioniert" – im Job, in Beziehungen, im Alltag
  • Von außen: kompetent, zuverlässig, engagiert
  • Von innen: dauerhaft erschöpft, zunehmend überfordert

Was Mia erlebt hat

  • Mehrere Therapieversuche – keine stabile Wirkung
  • Diagnosen: Depression, Angststörung, Burnout
  • Immer das Gefühl: Es passt nie ganz
  • Erster Gedanke nach der Autismus-Diagnose: Endlich ergibt das Sinn.

„Ich habe jahrelang eine Rolle gespielt. Ich wusste nur nicht, dass es eine war."

Was sich für Mia verändert hat

• Unterscheidung zwischen äußeren Erwartungen und eigenen Bedürfnissen
• Spezialinteressen als Ressource und Quelle von Erholung wiederentdeckt
• Gesunde Selbstbehauptung, Stundenreduktion auf 80%, langfristige berufliche Neuausrichtung geplant

Konzept · Missverständnisse auf beiden Seiten

Double Empathy Problem

Missverständnis
Konzept · Double Empathy Problem

Missverständnisse auf beiden Seiten

Mia denkt
„Wenn ich das Kleid nicht schön finde, dann sage ich 'nicht schön'."
„'Wichtig' bedeutet nicht dasselbe wie 'dringlich'."
„Warum drücken Neurotypische sich so ungenau aus?"
Neurotypische denken
„Wie geht's dir?"
„Was ist besser?"
„Es wäre gut, wenn du..."

Kernthese: Kommunikationsprobleme zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen entstehen beidseitig – nicht durch ein Defizit auf einer Seite. Das Problem liegt in der sozialen Interaktion, nicht in der Person.

Definition (Original): „A disjuncture in reciprocity between two differently disposed social actors which becomes more marked the wider the disjuncture in dispositional perceptions of the lifeworld."

Hintergrund: Milton kritisiert einseitige Defizit-Perspektiven (Theory of Mind, exekutive Dysfunktion). Viele autistische Menschen haben durch das tägliche Navigieren in neurotypischen Kontexten mehr Einsicht in die NT-Gesellschaft erworben als umgekehrt.

Implikationen für die Praxis: Kommunikationsprobleme als relationales Phänomen behandeln; autismusgerechte Anpassungen als Ausgleich des strukturellen Mismatches; Druck zur Anpassung kann zu internalisierter Unterdrückung führen; „Gute Autismus-Praxis" ist ein andauernder Prozess – kein fixierter Standard.

– Missverständnisse entstehen beidseitig. Das Defizit liegt nicht bei Mia.

Wie ich das konkret umsetze

  • Keine Interpretation von Körpersprache – ich frage nach
  • Direkte Kommunikation – kein „Du weißt schon"
  • Gespräche auf die Meta-Ebene ziehen: „Meine Interpretation war X – stimmt das?"
  • Schriftliche Zusammenfassungen – um Wahrnehmungen abzugleichen
Konzept · Autistisches Burnout

Autistisches Burnout

Erschöpfung
Konzept · Autistisches Burnout

Autistisches Burnout – ein eigenständiges Phänomen

Kernthese: Autistisches Burnout ist ein eigenständiges, klinisch relevantes Phänomen – verschieden von beruflichem Burnout und Depression. Es entsteht durch chronische Überlastung ohne ausreichende Unterstützung.

Definition (Studie): „A syndrome resulting from chronic life stress and a mismatch of expectations and abilities without adequate supports. Characterized by pervasive, long-term (typically 3+ months) exhaustion, loss of function, and reduced tolerance to stimulus."

Drei Hauptmerkmale: Chronische Erschöpfung (einfaches Existieren wird anstrengend); Funktionsverlust (Denken, Planen, Alltag); Reduzierte Reiztoleranz (sensorische Überempfindlichkeit, Meltdowns/Shutdowns).

Ursachen: Masking als prominentester Stressor; fehlende Unterstützung (Gaslighting, keine Pausen, späte Diagnose); Kipppunkt (Erwartungen übersteigen Fähigkeiten).

Abgrenzung zu Depression: Spezialinteressen bleiben erhalten; Verhaltensaktivierung ist kontraindiziert. Burnout kann Depression auslösen – ist aber kein Synonym.

Klinisch relevant: Erhöhte Suizidalität; Masking lehren ist gefährlich. Recovery: Unmasking, Reduktion der Anforderungen, Akzeptanz, Peer-Support.

1
Chronische Erschöpfung
„Batterien leer" – einfach existieren wird anstrengend
2
Funktionsverlust
Denken, Planen, Alltagsaktivitäten – vieles geht verloren
3
Reduzierte Reiztoleranz
Massive Intensivierung sensorischer Empfindlichkeit
Konzept · Autistisches Burnout

Ist das Depression?

MerkmalDepressionAutistisches Burnout
AuslöserMultifaktoriell, nicht primär umweltbezogenChronische Überlastung durch Masking, sensorische Reize
Primäres SymptomNiedergeschlagenheit, HoffnungslosigkeitErschöpfung, „Batterien leer"
SpezialinteressenVollständiger Verlust (Anhedonie)Erhalten – „würde gern, kann aber nicht"
VerhaltensaktivierungTherapeutisch (graduell)Kontraindiziert bei Überlastung

Quellen: Raymaker et al. (2020); Burnout-Checkliste (Spektrum Münster)

Klient:innen-Journey · Zugang

Wie Mia zu mir findet

Zugangswege

  • Website mit online Terminbuchung – kein Telefon, kein Spontankontakt
  • Empfehlungen aus dem Fachkräfte-Netzwerk
  • LinkedIn: Beiträge gelesen, Newsletter abonniert
  • Online-Communities für autistische Erwachsene
  • Zuweisungen durch Behörden – ausdrücklich willkommen

Was den Einstieg erleichtert

  • Schriftlicher Erstkontakt – keine Telefonpflicht
  • Online-Eingangsbögen mit strukturierten Fragen vorab
  • Klare Informationen über Ablauf und Preise vor dem ersten Gespräch
Klient:innen-Journey · Erstgespräch

Das Erstgespräch

Struktur (2 × 50 Min)

  • Persönliche Agenda 24h vorab – Mia weiß, was kommt
  • Offene Eingangsfragen: Was bringt sie her, was ist ihr Anliegen?
  • Screenings: PHQ-9, GAD-7, CAT-Q – nicht als Test, sondern als Sprache
  • Schriftliche Zusammenfassung binnen 48h

Beispiel-Visualisierung

PHQ-9
12 / 27
GAD-7
8 / 21
CAT-Q
78 / 120

Was Mia erlebt

  • Kein Small-Talk-Zwang, kein Blickkontakt-Druck
  • Direkte Kommunikation – was gesagt wird, ist gemeint
  • Nach Sitzung 2: gemeinsamer Beratungsplan

„Ich muss nicht damit beginnen, zu erklären, was Autismus ist - oder nicht ist."

Klient:innen-Journey · Prozess

Vom Erstkontakt zum Beratungsplan

Eingangsbögen
PHQ-9 · GAD-7 · CAT-Q
Sitzung 1 + 2
mit Agenda & Zusammenfassung
Beratungsplan
Orientierungsphase abgeschlossen
Reguläre Beratung
mit Feedback-Schleifen

Bei Spektrum Münster: Beratungsplan
Bei Behörden wie dem Jugendamt: Hilfeplan oder Gesamtplan

Der Prozess wird fortlaufend evaluiert – kurzfristige, mittelfristige und langfristige Ziele werden regelmäßig überprüft.

Vertiefendes Material · Forschung
1 von 4

autistischen Erwachsenen berichteten mindestens eine psychiatrische Fehldiagnose vor der Autismus-Diagnose

1 von 3

autistischen Frauen – häufigste Fehldiagnosen: Persönlichkeitsstörungen, Angststörungen, Stimmungsstörungen

Kentrou et al. (2024) · n = 1.211 autistische Erwachsene (Niederlande) · PMID: 38596613

Was Spektrum Münster tut

  • Frühwarnsystem: CAT-Q (Masking), Energietagebuch
  • Präventive Interventionen: Stimming erlauben, Pausen strukturieren – direkt während der Beratung
  • Prozess wird fortlaufend evaluiert (PHQ-9, GAD-7, CAT-Q)
Praxis von innen · Zusammenarbeit

Was im Hintergrund passiert – und wie wir zusammenarbeiten können

Qualitätssicherung

  • Monatliche Supervision – Dipl.-Psych. Katrin Rentmeister, APV Münster
  • Regelmäßige Intervision mit psychotherapeutischen Kolleg:innen
  • Fortbildungen
  • Screening-gestützte Eingangserhebung, schriftliche Dokumentation

Mögliche Zusammenarbeit

  • Zuweisung: Klient:innen, die spezialisierte Begleitung im Erwachsenenleben brauchen
  • Kollegiale Fallberatung: Wenn Sie Fragen zu autistischen Erwachsenen in Ihrem Arbeitsfeld haben
  • Fortbildung: Vorträge für Fachpersonal - ab Sommer planbar
  • Leistungsvereinbarungen: Offen für Gespräche über strukturierte Kooperationen

Wissenschaftliche Grundlagen

Milton, D. E. · 2012

Das Double Empathy Problem

Kommunikationsprobleme zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen entstehen beidseitig – nicht durch ein Defizit auf einer Seite. Das „double empathy problem" beschreibt einen Bruch in der wechselseitigen Verständigung zwischen zwei unterschiedlich disponierten Akteur:innen.

"A disjuncture in reciprocity between two differently disposed social actors which becomes more marked the wider the disjuncture in dispositional perceptions of the lifeworld."

Für die Praxis: Kommunikationsprobleme nicht als Eigenschaft autistischer Klient:innen behandeln, sondern als relationales Phänomen. Autismusgerechte Anpassungen (direkte Sprache, schriftliche Zusammenfassungen) sind kein Sonderaufwand, sondern Ausgleich eines strukturellen Mismatches.

doi.org/10.1080/09687599.2012.710008

Raymaker et al. · 2020

Autistisches Burnout definieren

Autistisches Burnout ist ein eigenständiges, klinisch relevantes Phänomen – verschieden von beruflichem Burnout und von Depression. Es entsteht durch chronische Überlastung ohne ausreichende Unterstützung. Masking ist der prominenteste Stressor.

"A syndrome resulting from chronic life stress and a mismatch of expectations and abilities without adequate supports."

Klinisch relevant: Masking lehren ist gefährlich (assoziiert mit Depression, Angst, Suizidalität). Spezialinteressen bleiben erhalten – kein Synonym für Depression. Verhaltensaktivierung ist kontraindiziert. Genesung durch Unmasking und Reduktion der Anforderungen.

doi.org/10.1089/aut.2019.0079

Beide Studien bilden das theoretische Fundament dieser Fortbildung. Das Double Empathy Problem (Milton, 2012) verschiebt die Perspektive von Defizit zu Relation – autistisches Burnout (Raymaker et al., 2020) zeigt, was passiert, wenn diese Relation dauerhaft belastet wird. Zusammen ergibt sich eine klare Handlungsorientierung für die Praxis.
Zum Mitnehmen

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Burnout-Checkliste für Fachleute

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